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"Ich habe den Eindruck, er weiss, was er will": DBV-Präsident Dieter Kespohl (re) mit dem neuen IBF-Präsidenten Kang Young-Joong. Foto: Edwin Leung.

DBV-Präsident Dieter Kespohl über die Zählweisenentscheidung beim IBF-Council

   

Nora Perry hat die hintere Aufschlaglinie zurückerobert

       

(20.12.05) DBV-Präsident Dieter Kespohl, seit Mai Mitglied in IBF-Council weilte zur ersten Council-Sitzung seiner Amtszeit in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur. Dort stand als wichtigster Tagesordnungspunkt die Änderung der Zählweise auf dem Programm. Das Ergebnis ist mittlerweile bekannt.(siehe bad.de vom 9.12.05)
Badminton.de fragte nach den Umständen des Zustandekommens.

   

Wie war die Stimmung bei den Sitzungen in Kuala Lumpur?
Die war okay, mir ist nichts Negatives aufgefallen.

Die Frage bezog sich auf die Kontroverse Asien gegen Europa, die ja in den vergangen Jahren die IBF-Politik maßgeblich beeinflusst hat.
Sie war – bis auf einige wenige persönliche Animositäten - nicht spürbar. In den Arbeitssitzungen haben alle konstruktiv zusammengearbeitet.

Liegt es vielleicht daran, dass die Asiaten inzwischen alle Macht ausüben?
Das steht außer Frage. Das Office ist umgezogen, die größten Turniere sind in Asien, alles spielt sich dort ab. Die ganze Dynamik ist vom asiatischen Wachstum geprägt. Die Europäer haben nicht mal ein einziges Sechs-Sterne–Turnier, die Asiaten mit dem World Cup sechs. Die bekannte internationale Agentur IMG ist wieder eingestiegen. Sie vermarkten jetzt beispielsweise das China Masters mit 250 000 Dollar Preisgeld und ein neues Grand-Prix-Turnier auf dem Philippinen mit 180 000 Dollar. Auch bei der WM soll künftig Preisgeld gezahlt werden. Und die Weltliga mit Profi-Nationalmannschaften kommt ab 2007 wie es aussieht auch.

     

"Die ganze Dynamik ist vom asiatischen Wachstum geprägt."

       

Die Europäer sind also an den Rand gedrängt?
In der Tat. Kein Land bei uns kann da mithalten. Und die EBU auch nicht. Der geschäftsführende IBF-Präsident Punch Gunalan versteht es auch immer wieder, einzelne Verbände aus den Kontinentalverbänden direkt der IBF zu verpflichten. So wie jetzt bei dem neuen konkurrierenden russischen Verband. Noch bevor das russische NOK über die Rechtmäßigkeit des einen oder anderen Verbandes befunden hat, hat er die Verbandsführer des neuen Verbandes schon in Kuala Lumpur vorgestellt. Die EBU wusste gar nichts davon.

Aber das IBF-Office arbeitet, wie man hört, wohl noch nicht so gut? Die Weltranglisten waren oder sind nicht vollständig, die Website war früher besser gepflegt.
Ja, es hakt wohl noch an einigen Stellen. Es sind ja auch alles neue Leute dort. Auch die Software, die sie fürs Office eingekauft haben, funktioniert noch nicht richtig. Das ist schon vermerkt worden, hat aber keine Rolle gespielt.

Nun zur Zählweise. Wie ist die Entscheidung zustande gekommen, sie ab 1. Februar umzustellen? Der Beschluss hat ja nur insofern überrascht, als dass die hintere Aufschlaglinie jetzt plötzlich doch bleibt.
Da muss ich erst mal das Verfahren erklären. Da es sich um eine Sachfrage handelt, die die großen internationalen Turniere betrifft, ist dafür das „Event-Komitee“ zuständig. Es wird von dem Amerikaner Paisan Rangsikitpho geleitet. Dort ist das diskutiert worden. Zu diesen Sitzungen können auch – als Fachberater gewissermaßen – Nicht-Council-Mitglieder zugeladen werden. Eine solche Rolle  hatte die ehemalige Weltmeisterin Nora Perry aus England. Sie hat sehr massiv für die Beibehaltung der hinteren Aufschlaglinie im Doppel gesprochen, weil ohne diese spezielle Aufschlagsituation die Europäer absolut noch mehr in Nachteil gerieten. Dann würde nur noch Haudrauf-Badminton gespielt und das würde die Asiaten bevorteilen.

       

"Ohne die hintere Aufschlaglinie gerieten die Europäer noch mehr in Nachteil."

       

Und damit ist sie durchgekommen?
Das Event-Komitee hat sich aus der Affäre gezogen und dem Council dann den Vorschlag „Zwei Gewinnsätze bis 21 bei Belassen der hinteren Aufschlaglinie im Doppel“ zur Annahme vorgeschlagen.

Und der Vorschlag, den ja auch viele deutsche Trainer favorisierten, die Sätze nur bis 15 zu spielen, damit man schneller am spannenden Höhepunkt ist?
Der ist erwähnt worden. Da herrschte aber die Meinung, dass man dann drei Gewinnsätze bis 15 spielen müsse und dies eventuell fünf Sätze bedeuten könnte. Das wäre aber kein Zeitgewinn.

Aber jetzt dauern Spiele, wie man beim World Cup gesehen hat, auch immer noch über eine Stunde.
Ich sehe das auch so. Ein Zeitgewinn ist da, aber kein großer.

Das Council hat den Event-Komitee-Vorschlag dann abgesegnet?
Ja. Darüber gab es in der entscheidenden Sitzung auch keine Diskussion mehr. Wobei ich deutlich sagen muss, dass die beschlossene Umstellung nur für die internationalen Turniere gilt und als „Experiment“ firmiert. Die endgültige Entscheidung fällt erst bei der IBF-Mitgliederversammlung im Mai in Tokio.

   

"Die endgültige Entscheidung fällt erst auf der Mitgliederversammlung im Mai in Tokio."

      

Kann die Zählweisenumstellung denn dort noch mal umgekehrt werden?
Theoretisch natürlich ja. In der Praxis glaube ich nicht daran. Das Exekutivkomitee, also das IBF-Präsidium, wird der Versammlung einen entsprechenden Antrag auf Regeländerung vorlegen. Und bei diesem Antrag läuft alles auf Rallypoint mit zwei Gewinnsätzen bis 21 hinaus. Der Wechsel zum Rallypoint-System ist in allen Diskussionsbeiträgen positiv besprochen worden. Die Satzlänge bis 21 ist auch weitgehend unstrittig. Was mit der Aufschlaglinie wird, muss man allerdings abwarten. Und für diesen Antrag wird Punch Gunalan im Vorfeld eine Mehrheit organiseren.

Also müssen wir uns in Deutschland innerlich schon mal darauf einstellen, dass die grundlegendste Änderung der Badmintonregeln bevorsteht seit Einführung des Spiels.
Ich will da nicht vorgreifen. Die beschlossene Umstellung gilt nur als Experimentierphase bis Mai. Dann entscheidet die Mitgliederversammlung, wie es weitergeht.

Die Experimentierphase gilt nur für internationale Turniere mit Weltranglistenwertung. Für den DBV bleibt bis dahin also alles bei den bisherigen Regeln?
Eindeutig ja. Ich sehe zurzeit keinen Anlass, irgendwo im DBV oder in unseren Landesverbänden etwas umzustellen. Zumal die neuen Regeln im Detail ja auch noch gar nicht endgültig festgelegt sind - siehe Aufschlaglinie.

Ist denn denkbar, dass wir in Deutschland weiterhin nach unseren bisherigen Regeln spielen, auch wenn die IBF im Mai eine Änderung beschließt.
Aus meiner Sicht nein. Zwei völlig unterschiedliche Zählweisen in einer Sportart, dass kann ich mir nicht vorstellen. Auch kann sich ein Nationalverband nicht von seinen internationalen Dachorganisationen abkoppeln.

       

"Bis dahin sehe ich für den DBV und unsere Landesverbände keinen Anlass, etwas umzustellen."

       

Was war denn von dem neuen IBF-Präsidenten Dr. Kang Young-Joong zu sehen?
Er hat die Council-Sitzung eröffnet. Dann hat er die Sitzungsleitung an seinen Vize Gunalan übergeben. Aber er hat sich durchaus auch einige Male geäußert. Er lässt sich die Diskussion auf seinem Laptop in English übersetzen und liest es mit. Wenn er selbst in Koreanisch spricht, wird das gleich von seiner Dolmetscherin übersetzt.

Er ist also kein Marionette?
Absolut nicht. Er hat auf mich einen positiven Eindruck gemacht. Wenn er mit seinem Mitarbeiterstab auftritt, erinnert mich das an einen Chefarzt. Er ist ja immerhin ein schwerreicher erfolgreicher Geschäftsmann, der gewohnt ist zu entscheiden. Ich glaube, er weiß schon, was er will.

badminton.de sagt vielen Dank für das Gespräch.

 

     

     

     


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