DBV-News

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Anfang Juli wurde turnusgemäß die Zusammensetzung der neuen Bundeskader vom Deutschen-Badminton-Verband veröffentlicht. Dabei fiel auf, dass die Anzahl der in die Kader aufgenommenen Athleten geringer ist als zuvor. badminton.de befragte DBV-Sportdirektor Martin Kranitz nach den Hintergründen.

   

Die Trauben zur Aufnahme in einen Bundeskader hängen hoch

    

DBV-Sportdirektor Martin Kranitz: Als Teammanager der Nationalmannschaft immer hautnah dabei.
...beim Gratulieren
...beim Unterzeichnen der Spielberichte.


Kranitz im Gespräch mit DBV-Präsident Dieter Kespohl (li) und Chefbundestrainer Detlef Poste.
...und mit badminton.de-Chefredakteur Martin Knupp. Fotos: Edwin Leung (Klickbig).

(10.8.05) Wer sitzt eigentlich im so genannten "Kadergremium"?
Dem Kadergremium gehören an: Vizepräsident Leistungssport, Sportdirektor, Cheftrainer, Bundestrainer Männer, Bundestrainer Jugend, Aktivensprecher. Das Kadergremium überprüft halbjährlich die Bundeskader. In der Regel tagt es im Juni und Dezember. Es legt fest, welche Athleten in welchen Kader eingestuft werden. Der Vorschlag des Kadergremiums geht dann ins DBV-Präsidium, das die neuen Kaderlisten endgültig verabschiedet.

Bei den zum 1. Juli gültigen Kaderlisten fällt auf, dass vor allem im C/D-Kader eine Reduzierung von 16 auf 12 vorgenommen wurde. Absicht oder Zufall?
Zum 1. Juli erfolgt beim C/D-Kader üblicherweise die Hauptüberprüfung. Wir bewerten hier also einen längeren Zeitraum als im A-, B- und C-Kader. Somit entsteht im D/C Kader für das 2. Halbjahr automatisch eine größere Fluktuation. Das hängt auch damit zusammen, dass sich SpielerInnen nach dem Ende ihrer Jugendzeit gegen den Leistungssport entscheiden. Die Reduzierung von 16 auf 12 Athletinnen und Athleten in diesem Jahr ist Zufall. Im letzten Jahr hatten wir zum Beispiel sechs AthletInnen neu in den D/C-Kader aufgenommen und nur eine Athletin herausgestrichen.

Ist es aber nicht unklug, gleich sieben junge Athleten nicht mehr weiter zu fördern? Kappt sich der DBV nicht seine eigene Zukunft?
Die Trauben zur Aufnahme in einen Bundeskader hängen hoch. Wir wollen nicht Athleten noch weiter fördern, die nicht bereit sind, sich den Anforderungen für Hochleistungstraining zu stellen. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass Mitläufer, also solche Spieler die im unteren Bereich immer gerade noch so mitnominiert werden, uns im Spitzenbereich nie weitergebracht haben.

                  

"Wir wollen nicht Athleten fördern, die nicht bereit sind, sich den Anforderungen für Hochleistungstraining zu stellen."

   

Gibt es eine Linie, eher mehr oder eher weniger Athleten in den Kadern zu haben?
Der Deutsche Sportbund (DSB) hat sich nach den Olympischen Spielen von Athen klar für eine Reduzierung der Kader, insbesondere der D/C Kader, ausgesprochen.

Aber würde es den Landesverbänden nicht helfen, wenn die C/D-Kader zahlenmäßig größer sind? Sie bekommen von ihren Landessportbünden ja Fördermittel für Kaderspieler.
Das jetzige System schränkt uns ein. Der Pool, auf den wir zurückgreifen können, umfasst nur drei Jahrgänge, da das Einstiegsalter in den D/C Kader aktuell bei 17 Jahren liegt. Alle jüngeren Jahrgänge – also Talentteammitglieder U 15 und U 17 - werden nicht berücksichtigt. Hier sind allerdings Änderungen in der Planung. Wir wollen mit dem Bereich Leistungssport im DSB über eine Reduzierung des Kadereintrittsalters sprechen. Dies hilft einerseits die DBV- Systeme wie die Nachwuchs- und Regionalstützpunkte zu stärken und anderseits die LA-L Förderung der Landesverbände zu verbessern.

Wo liegen die Alters-Untergrenzen für die anderen Kader?
Für D/C ist wie gesagt bei 17 Jahren, für den C-Kader ist das Einstiegsalter 19 Jahre. Der Einstieg in den B-Kader erfolgt in der Regel mit 23 Jahren. A-Kader kann ein AthletIn werden, der bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften Platz eins bis acht, also Viertelfinale oder besser, erreicht. Das ist unabhängig vom Alter.

Haben eigentlich Spieler, die nicht von Anfang an, also von U 13 oder U 15, in den Talentteams sind, überhaupt noch eine Chance, in die Nationalmannschaft zu kommen?
Durchaus, wir sind auf jeder Stufe unsere Leistungsförderung offen. Wenn sich jemand durch Ergebnisse, Leistungsbereitschaft und Trainingsqualität empfiehlt, bekommt er seine Chance. Längst nicht alle derzeitigen Nationalspieler waren Deutsche Jugend- oder gar Schülermeister.

    

"Wir wollen mit dem DSB über eine Reduzierung des Kadereintrittsalters sprechen."

         

Und wie lange kann man in einem Kader sein? Gibt es da Obergrenzen?
Die Altersobergrenze im D/C Kader liegt bei 19 Jahren, im C-Kader bei 23. Die Begrenzung im A- und im B-Kader hängt von der Verweildauer und dem Leistungsstand ab. Ist jemand mit 38 Jahren noch Weltspitze, darf er gerne noch im Kader bleiben. Der DSB hat allerdings für B-Kader-Mitglieder eine Vorgabe. Nach spätestens fünf Jahren müssen sie es ins A-Kader geschafft haben, sonst ist Ende.

Jochen Cassel hat sich ganz aus dem Kader und der Nationalmannschaft zurückgezogen, mit gerade mal 24 Jahren. Ist das nicht ein Verlust?
Der Abschied eines solch starken Spielers bedeutet immer ein Verlust. Jochen hat sich gegen den Hochleistungssport entschieden, um sein Studium nun in der Endphase erfolgreich beenden zu können. Es ist nun mal so, dass Hochleistungstraining und Berufsausbildung nicht leicht unter einen Hut zu bringen sind. Aber wir als Verband müssen von unseren geförderten Athleten ein klares Bekenntnis zum Hochleistungssport haben. Ich respektiere aber seine Entscheidung und wünsche ihm alles Gute für die Zukunft.

Auch Monja Bölter ist nicht mehr dabei, wie jetzt zu hören war, obwohl sie formal noch im Kader ist.
Sie ist noch bis Jahresende im Kader, wird aber nicht weiter am Bundesstützpunkt in Mülheim gefördert. Ihr bisheriger Arbeitgeber, die Job-Service-Gesellschaft Mülheim hat Monja erfreulicherweise ein Angebot für eine volle Stelle gemacht.

Hängt der Rückzug der beiden Athleten auch mit den verschärften Anforderungen zusammen, die Chefbundestrainer Poste - in einem badminton.de-Gespräch auch öffentlich - für die zukünftige Arbeit an den Olympiastützpunkten festgelegt hat?
Uns war klar, dass wir mit den verschärften Anforderungen an die Grenzen der Athleten herangehen, sie für manche auch überschreiten werden. Unser klares Ziel ist es, bis 2007/08 in die Weltspitze vorzudringen. Das wollen wir erreichen. Mit dem bisherigen Verlauf und den gezeigten Trainingsleistungen der AthletInnen, die sich zu unseren Zielen bekannt haben, sind wir sehr zufrieden.

             

"Wir als Verband müssen von unseren geförderten Athleten ein klares Bekenntnis zum Hochleistungssport haben."

   

Was gilt eigentlich hauptsächlich bei der Kadernominierung? Turnierergebnisse? Trainingseinsatz? Pflegeleichtigkeit? Trainingshäufigkeit oder vielleicht gute Beziehungen?
In die Beurteilung eines jeden Athleten fließen sowohl objektive Kriterien wie Ergebnisse Eintrittsalter, bisherige Kaderverweildauer ein wie auch subjektive Beurteilungen der Trainer. Diese betreffen etwa Leistungsentwicklungsprognose und Trainingsqualität.

Ist es nicht doch relativ leicht im B-Kader zu bleiben, wenn man einmal drin ist? Der Leistungsabstand unserer Nationalspieler etwa bei den Deutschen Meisterschaften zu den übrigen Aktiven ist doch riesengroß – auf nationaler Ebene hat jeder Beobachter den Eindruck, sie seien super.
Wer in den B-Kader aufgenommen wird, hat ja ein bestimmtes Leistungsniveau erreicht. Es ist sicherlich schwerer, zunächst einmal bis dorthin zu gelangen, als dann drin zu bleiben.

Aber wie wird der internationale Leistungsstand gemessen? Müssten nicht letztendlich ausschließlich die Turnierergebnisse zählen? Wurde bei uns vielleicht in der Vergangenheit zuviel Rücksicht in der Form genommen, dass die Verantwortlichen immer eine Leistungs-„Entwicklung“ zu erkennen glaubten?
Der Eindruck mag entstehen. Allerdings sind nicht nur die einzelnen Athleten zu betrachten, sondern auch das Gesamtsystem. Wir haben keine asiatischen Verhältnisse, wo uns die guten Athleten reihenweise „die Tür einrennen“. Wir benötigen auch in Deutschland gut funktionierende Trainingsgruppen auf hohem Niveau. Alle Topnationen - China, Korea, Dänemark - arbeiten entsprechend. Dazu brauchen wir einfach eine gewisse Anzahl von Spielern. Als zusätzliches Steuerinstrument erstellen wir innerhalb der Kader noch einmal interne Förderkader.  Die Einstufung läuft hier von maximaler Förderung für Top-Team Kader bis hin zu keinerlei Turnierkosten-Förderung für die untersten Kadermitglieder. Sie müssen ihre internationalen Turniere alle selber zahlen.

Dann gibt es noch die Förderung durch die Sporthilfe?
Die Sporthilfe ist für uns neben dem Bundesinnenministerium und der Bundeswehr mit ihrer Förderung ein ganz wichtiger Partner. Auch dort ist man vom Gießkannenprinzip weggegangen. Früher hat jeder B-Kader eine monatliche Mindestförderung erhalten. Dies gibt es jetzt nicht mehr. Die Förderung erfolgt nur noch leistungsorientiert - entweder durch Prämien für gute Ergebnisse bei World Grand Prix Turnieren oder durch Wettkampfförderung analog unseres interner Förderkaders. Eine monatliche Förderung erhalten nur noch ausgewählte C-Kaderathleten.

Trainieren inzwischen alle Athleten an Olympiastützpunkten? Ist das Voraussetzung?
Bis auf zwei Ausnahmen trainieren inzwischen alle Top-Athleten an einem der beiden Bundesstützpunkte in Saarbrücken und Mülheim/Ruhr. Auch alle Trainer und der Sportdirektor sind dort vor Ort. Die Arbeit konzentriert sich ganz auf die beiden Standorte.

 

"Die Sporthilfe ist für uns neben dem Bundesinnenministerium und der Bundeswehr mit ihrer Förderung ein ganz wichtiger Partner."

         

 

Kann man auch außerhalb der Kaderzugehörigkeit Hochleistungsbadminton betreiben?
Die Frage ist zweischneidig. Vom Prinzip her würde so etwas schon funktionieren, weil man zu den internationalen Turnieren ja melden kann, da legt der DBV auch niemanden Steine in den Weg. Hochleistungsbadminton macht aber aus meiner Sicht nur dann Sinn, wenn man sich für die größten Sportevents im Badminton - Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften - auch qualifizieren kann. Dies ist aber ohne Kaderzugehörigkeit nicht möglich.

badminton.de sagt vielen Dank.



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