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Verzichtet auf DBV-Unterstützung bei Training und Wettkampf: Björn Joppien (25). Foto: Monika Barther.

DBV-Sportdirektor Martin Kranitz zu Björn Joppiens Weigerung, am Olympiastützpunkt Saarbrücken zu trainieren

    

Alles bleibt wie vorher – nur die finanzielle Förderung von Björn wird drastisch verringert

   

(26.2.06) Während der Deutschen Meisterschaft hat Björn Joppien den für den Leistungssport im DBV-Verantwortlichen und der Öffentlichkeit seine Entscheidung mitgeteilt, nicht zum Olympiastützpunkt der Herren nach Saarbrücken zu wechseln. Er wolle wie bisher an seinem Wohnort Langenfeld mit seinem Heimtrainer Xu Yan Wang trainieren. Damit kam er einer Aufforderung von Bundestrainer Poste nicht nach, der von dem sechsfachen Deutschen Meister einen Wechsel forderte, da auf internationaler Ebene eine deutliche Leistungsstagnation zu beobachten sei (vgl. Bericht vom 9.12.06 - Wie wird Björn sich entscheiden?). Gleichzeitig machten alle Beteiligten aber klar, dass von Björns Entscheidung seine Zugehörigkeit zum DBV-Kader und zur Nationalmannschaft nicht berührt sei. So spielte Björn auch vergangene Woche in Thessaloniki bei der Herren-EM und erreichte mit der Herrenmannschaft die Vizeeuropameisterschaft. Welche Auswirkungen hat aber dann Björns Entscheidung? badminton.de hat bei Martin Kranitz, dem DBV-Sportdirektor nachgefragt.


badminton.de: Björn Joppien hat während der Deutschen Meisterschaft Anfang Februar offiziell mitgeteilt, dass er seinen Trainingsstandort in Langenfeld behält. War das eine Enttäuschung?
Martin Kranitz: Natürlich sind wir enttäuscht. Aus unserer Sicht wäre ein Wechsel von Björn nach Saarbrücken zu stärkeren Trainingspartnern sowohl für ihn als auch für die anderen Einzelspieler des DBV ein Gewinn gewesen.

Was war konkret die Forderung an Björn?
Er sollte als Badminton-Profi eine Entscheidung treffen, nach über zehn Jahren Training in Langenfeld  - verbunden mit einer hohen finanziellen Förderung durch den DBV - für einen relativ kurzen Zeitraum am Bundesstützpunkt in Saarbrücken mit den anderen Top-Herren des DBV zu trainieren.

Was heißt relativ kurz?
Rechnen wir mal nach: Der Wechsel hätte im Sommer 2006 erfolgen müssen. Das bedeutet, Björn sollte ein gutes Jahr das Training außerhalb von Langenfeld versuchen. In 2007 beginnt ja schon die Olympia-Qualifikationsphase für Peking 2008, in der die Athleten sowieso fast mehr auf Turnieren unterwegs sind, als im regelmäßigen Training. Die Vision, bei Olympischen Spielen erfolgreich zu sein und nicht nur teilzunehmen, verlangt vielen Athleten anderer Sportarten weitaus höhere Entbehrlichkeiten ab, als ein gutes Jahr lang einmal an einem anderen Standort zu trainieren. Zudem ist zu bedenken, dass Björn in der Sportförderkompanie der Bundeswehr ist. Dies ist zurzeit die wohl beste Situation, die man als Badminton-Profi haben kann. Wie jeder weiß, gibt es auch für Soldaten Rechte und Pflichten. Und der Arbeitgeber kann schon mal gewisse Forderungen stellen.

Aber Björn will ja aus der Sportförderkompanie ausscheiden. Welche Nachteile hat er sonst noch?
Björn muss aus der Sportförderkompanie ausscheiden. Ob er das nun freiwillig macht oder wir im das vorgeben, spielt für mich nur eine untergeordnete Rolle. Wir wollen hier auch für die Zukunft ein Signal setzen und unserer eingeschlagenen Linie treu bleiben.
Was die Turnierfinanzierung angeht, so bekommt er nur noch jene finanziert, bei denen er als Mitglied der Nationalmannschaft nominiert ist. Bei allen übrigen Turnieren muss er die Kosten für sich und seinen Trainer selbst tragen. Und das sind im Olympiaqualifikationsjahr etliche. Nur die organisatorische Abwicklung übernehmen wir vom Verband natürlich für ihn.

Bedeutet Björns Entscheidung nicht den Verlust eines weiteren Einzelspielers für das deutsche Badminton? Wurde nicht sogar am Image des DBVs gekratzt?
Beides sehe ich nicht. Das Enttäuschende ist für mich das Nichtzustandekommen einer interessanten neuen Konstellation, die wir Björn angeboten hatten. Durch Björns Entscheidung bleibt für den DBV alles beim Alten. Er trainiert weiter in Langenfeld, bleibt im Bundeskader solange Leistung und internationale Perspektive stimmen. Wir hoffen ja auch trotzdem, dass ihm die Olympiaqualifikation gelingt.

Und wirklich kein Image-Verlust für den DBV?
Im Gegenteil. Wir waren jetzt endlich mal konsequent. Wir haben seit vielen Jahren verschiedene Kompromisslösungen mit Björn und dem FC Langenfeld ausprobiert. Sie haben aber nur teilweise funktioniert. Aufgrund unserer genauen Analyse von Björns Entwicklung in den letzten zwei Jahren und der positiven Veränderung der Rahmenbedingungen in Saarbrücken wollten wir jetzt eine klare Entscheidung zugunsten des Bundesstützpunktes.

Was muss man sich unter Kompromisslösungen vorstellen?
Das waren viele verschiedene Dinge. Wir haben ja schon immer anerkannt, dass Langenfeld im letzten Jahrzehnt die beste Trainingsstätte für Herreneinzel war. Deshalb wurde Björn auch als  – wie das bei uns heißt - „Externer“, also als Spieler, der nicht an einem DBV-Stützpunkt trainiert, voll gefördert. Wir haben mehrfach versucht, Xu Yan Wang in das DBV-Trainerteam einzubinden, mehr Absprachen mit ihm zum Training und zur Entwicklung von Björn zu treffen. Hier gab es im Endeffekt leider kein Interesse einer Zusammenarbeit. Wir hatten in den letzten Jahren Absprachen, dass Björn eine bestimmte Anzahl von Tagen am Bundesstützpunkt trainiert. Nachdem diese Vereinbarung in den letzten Jahren nicht eingehalten wurde, haben wir die Anzahl der Pflicht-Tage sogar noch mal reduziert und ihm das Angebot gemacht, zu diesen Zeiten Xu Yan Wang auf Honorarbasis mit an den Bundesstützpunkt zu bringen. Das Angebot wurde nicht angenommen und die vereinbarten Präsenz-Tage wieder nicht erreicht.  Langenfeld hat für Björn jahrelang Unterstützung in Form von Bällen für das Training bekommen. Also ich glaube nicht, dass wir uns vorwerfen müssen, unvernünftig oder gar respektlos mit dem FC Langenfeld umgegangen zu sein. Warum auch? Ich würde mir wünschen, wir hätten mehrere Vereine wie den FCL!

Warum lässt man Björn nicht einfach gewähren, immerhin ist er der beste deutsche Spieler?
Weil der DBV nicht im luftleeren Raum agiert. Wir unterliegen dem Erfolgsdruck durch den DSB. Das hat schon etwas mit den Forderungen an Björn Joppien zu tun. Es gilt für uns, 2007 bei der WM und/oder 2008 bei den Olympischen Spielen unter die Top 10 der Welt zu kommen und das in zwei bis drei Disziplinen, da sonst nach 2008 eine erhebliche Kürzung der öffentlichen Mittel droht. Man sieht es jetzt wieder in Turin. Wer interessiert sich für Athleten, die auf Platz 20 in der Welt eingereiht sind? Björns derzeitiger Leistungsstand reicht nicht aus – Top 10 sind gefragt. 

Und auf dem Weg dahin ist er nicht?
Bei der zuletzt zu beobachtenden fast zweijährigen Leistungsstagnation sind Zweifel angebracht, ob das Ziel mit Björns bisherigem Trainingskonstrukt zu erreichen ist. Außerdem wäre die Sonderbehandlung eines einzelnen Athleten gegenüber unseren Leistungsträgern in den anderen Disziplinen mehr als schwierig zu rechtfertigen. Björn hat fast ein Jahrzehnt finanziell eine maximale Förderung erhalten. Insofern haben er oder sein Verein keinen Grund, sich über mangelnde Förderung seitens des DBV zu beklagen.

Sonderbehandlung meint, dass es keine Ausnahme von der Forderung gibt, Athleten müssen an die Stützpunkte?
Der DBV hat ja auch bei anderen Spielern, ich nenne nur Nicole Grether, die Zentralisierung an die Bundesstützpunkte und nun auch an die seit Januar 2006 installierten Regionalstützpunkte in Frankfurt und Hamburg vorangetrieben.
Wir wollen, dass die besten Spieler ab O19 zusammen trainieren. Das wird im Badminton in den führenden Nationen überall so gemacht, damit jeden Tag im Training eine möglichst hohe Trainingsqualität entstehen kann. Bei den derzeitigen und künftigen Kaderzusammensetzungen erhalten die Spieler nach der Jugend nur dann noch einen Kaderstatus, wenn sie an einem Bundes- oder Regionalstützpunkt trainieren. So sind auch ab diesem Halbjahr Annekatrin Lillie und Dennis Nyenhuis nicht mehr im C-Kader. Gerade bei Annekatrin sind wir traurig, dass sie den Weg nicht gewählt hat. Aber eine Entwicklung in die internationale Spitze wird unter den von ihr gewählten Trainingsbedingungen nicht möglich sein.

Aber können individuelle Systeme wie Langenfeld nicht auch erfolgreich sein oder gar einige Vorteile haben?
Sie können erfolgreich sein. Aber jedes erfolgreiche System muss seine Besten an die nächst höhere Leistungsebene weiterreichen, wenn sich Sportler weiter entwickeln sollen. Und Björn ist auf einer Leistungsebene, wo seine Rahmenbedingungen allerersten internationalen Ansprüchen genügen müssen. Zum Beispiel braucht er jeden Tag Trainingspartner und -gegner, bei denen er sich keine Schwächephasen erlauben kann. Schon in einer Gruppe ist es schwierig, ein hohes Trainingsniveau permanent aufrecht zu erhalten. Alleine fast unmöglich. Im Moment ist Andreas Wölk Björns Haupttrainingspartner. Wacha ist vielleicht zwei bis drei Monate pro Jahr vor Ort. Das ist nicht optimal.
Und noch weitere Aspekte sind zu bedenken: Wenn alle unsere Top-Spieler Individuallösungen gestrickt bekämen, wie viel würde das kosten? Wir haben das Geld jedenfalls nicht. Und wo trainiert die nächste Generation, wie führen wir sie an die Spitze heran? Aus unserer Sicht gibt es für individuelle Systeme mehr Nachteile als Vorteile. Deshalb setzen wir auf Zentralisierung und wollen dann, wenn möglich, an den Bundesstützpunkten Geld in internationale Trainingspartner investieren. In Saarbrücken ist das für Herreneinzel schon sehr gut gelungen, weil wir dort die Anbindung an das IBF-Trainingscenter haben. Für das Herrendoppel und für die Damen in Mülheim wollen wir das zukünftig noch ausbauen.

Aber Björn vertraut offensichtlich auch stark auf seinen Trainer?
Wir hatten Björn ja in der Vergangenheit empfohlen, dass bei seiner bisherigen Individuallösung sein Trainer auch auf alle Turniere hätte mitfahren dürfen. Ich weiß gar nicht, ob das allgemein bekannt ist. Aber es war die letzten Jahre so, dass Björn zwar 90 Prozent bei Xu Yan Wang trainiert hat, aber bei internationalen Turnieren zu 80 Prozent von unseren Bundestrainern gecoacht wurde. Das halten wir für nicht professionell, weil natürlich eine Leistungssteigerung nur aus dem Zusammenspiel von Wettkampfanalysen und Trainingsinhalten erzielt werden kann.

badminton.de bedankt sich für die Klarstellungen.
 


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